Wer in der Agenda 21 liest bzw. wer die in den letzten 10 Jahren geführten Diskussionen um eine Nachhaltige Entwicklung verfolgt, kann feststellen:
Es ist (halbwegs) konsensfähig, dass die derzeitige Energiewirtschaft gravierende Umweltprobleme verursacht und dass weltweit der Verbrauch vor allem an fossilen Energieträgern reduziert werden muss. Aber wie wenig muss genug sein - für ein Industrieland wie Deutschland, für eine bundesdeutsche Kleinstadt, für deren Schulen oder einen bundesdeutschen Haushalt? Und wie viel darf es mehr werden, was die Menschen in Entwicklungs- oder Schwellenländern verbrauchen?
| Ein Blick ins Fremdwörterbuch: Indikator (Lat. "Anzeiger") = Umstand oder Merkmal, das als (beweiskräftiges) Anzeichen oder als Hinweis auf etwas anderes dient. (Duden Fremdwörterbuch) Ein Blick in die Agenda 21: "Allgemein gebräuchliche Indikatoren wie etwa das Bruttosozialprodukt (BSP) und das Ausmaß einzelner Ressourcen- oder Schadstoffströme geben nicht genügend Aufschluss über die Frage der Nachhaltigkeit." (Agenda 21, RZ 40.4) |
Angesichts solcher Fragen sollen Indikatoren helfen, ehrliche Maßstäbe zu setzen: Welche Lebens- und Wirtschaftsweise wäre im ökologischen, ökonomischen und sozialen Sinne dauerhaft zukunftsverträglich? Wie weit sind wir von einem solchen Zielhorizont entfernt? Bewegen wir uns überhaupt in die richtige Richtung? Welche konkreten Etappenziele - z.B. für den Zeithorizont einer Wahlperiode - lassen sich formulieren?
Im Rahmen dieses Beitrages sollen zunächst einige recht unterschiedliche Methoden vorgestellt werden, Nachhaltigkeit messbar zu machen. Danach werden Ursachen für die unterschiedlichen Herangehensweisen erörtert. Schlussfolgerungen für Schulen sowie Quellenangaben runden den Beitrag ab.
Bereits 1995 hatte die CSD beschlossen, bis zum Jahr 2001 ein Indikatorensystem für eine nachhaltige Entwicklung zu erarbeiten. Dazu hat die CSD zunächst eine Liste von 134 Einzelindikatoren vorgelegt; seit 1997 sind 22 Staaten - darunter die Bundesrepublik Deutschland - dabei, diese Indikatoren zu testen. Somit soll die Umsetzung von Kapitel 40 der Agenda 21 vorangetrieben werden. In der Bundesrepublik Deutschland ist das BMU zuständig.
| Ökologie
Ökonomie
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Gesellschaft
Partizipation
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Die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) hat gemeinsam mit 16 Kommunen ein Indikatorensystem entwickelt. Eine nachhaltige Entwicklung wird hier in den vier Bereichen Ökologie, Ökonomie, Gesellschaft und Partizipation analysiert. Im Mittelpunkt stehen 24 Kern-Indikatoren (sechs pro Bereich, einige Beispiele siehe rechts), die zentrale Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung auf kommunaler Ebene abbilden. Zudem wurden 72 Ergänzungs-Indikatoren als zusätzlicher Denkanstoß vorgelegt.
Dieses Indikatorensystem ist in einem Leitfaden ausführlich dokumentiert (siehe Quellenangaben am Ende der Seite) und daher für interessierte Kommunen sehr gut nachvollziehbar.
| Wettbewerb Zukunftsfähige
Kommune
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Unter dem Titel "Die Zukunftsfähige Kommune" hat die Deutsche Umwelthilfe einen Wettbewerb für Kommunen zur Lokalen Agenda 21 veranstaltet. Die teilnehmenden Kommunen mussten dabei 38 verschiedene Indikatoren aus vier Nachhaltigkeits-Bereichen erfassen; 12 weitere Indikatoren, bei denen erfahrungsgemäß die Datenbereitstellung schwieriger ist, konnten fakultativ mit einbezogen werden. Eine ganze Reihe dieser Nachhaltigkeitsindikatoren entsprechen denen des Leitfadens "Indikatoren für die Lokale Agenda 21".
Die Qualität des Lokale-Agenda-Prozesses wurde anhand von 28 weiteren Indikatoren erfasst.
Um eine reelle Vergleichbarkeit zwischen den Wettbewerbsteilnehmern zu gewährleisten, wurden die teilnehmenden Kommunen in vier Größenklassen eingeteilt; für jede wurden separate Auszeichnungen vergeben.
Der Wettbewerb sowie die zugrunde liegenden Indikatoren werden auf der Homepage der DUH erläutert: www.duh.de/
| Die Indikatoren in Kurzform
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"Zeugnis für eine zukunftsfähige Hansestadt" - unter diesem Titel hat der Zukunftsrat Hamburg schon mehrfach Resultate einer kritischen Bestandsaufnahme veröffentlicht. Diese Zeugnisse sollen der Öffentlichkeitsarbeit dienen; Verständlichkeit und Prägnanz sind den Herausgebern daher wichtiger als die wissenschaftliche Ausleuchtung möglichst vieler Details. Insgesamt umfasst das Zeugnis 12 Indikatoren, darunter den Schuldenstand der Stadt pro Kopf, die Markttage pro Woche im Verhältnis zur Einwohnerzahl sowie die versiegelte bzw. nicht versiegelte Fläche in Hektar.
Der Herausgeber, der Hamburger Zukunftsrat ist ein Netzwerk, das mehrere Dutzend Nichtregierungsorganisationen vertritt. Diese können selbst keine umfangreiche Datenerfassung leisten, auch das dürfte bei der Auswahl der Indikatoren eine Rolle gespielt haben, denn es handelt sich um Informationen, die an verschiedenen Stellen (Behörden) ohnehin gesammelt werden.
Details siehe http://www.zukunftsrat.de/
| Der Ökologische Fußabdruck der Stadt Aachen umfasst ca. 13.000 km² - das ist das 81fache der Stadtfläche und mehr als der gesamte Regierungsbezirk Köln. (nach Serve) |
Der Ökologische Fußabdruck ist ein anschauliches Maß für den Ressourcenverbrauch von Menschen - z.B. der Bevölkerung einer Gemeinde, einer Stadt, eines Landes. Hierzu müssen zunächst die Verbräuche an Stoffen und Energie ermittelt werden. Anschließend werden diese in Flächen umgerechnet - ein durchaus problematisches Unterfangen. Relativ einfach ist es z.B., für Nahrungsmittel die zur Erzeugung notwendige landwirtschaftliche Fläche anzurechnen. Schwieriger wird es bei Emissionen - für Kohlendioxid kann z.B. eine Vegetationsfläche angerechnet werden, die in der Lage wäre, dieses Gas wieder zu binden. Verschiedene Einrichtungen haben hier unterschiedliche Lösungen (Rechenverfahren) vorgeschlagen.
| Ein (durchschnittliches) Auto hat einen ökologischen Rucksack, der alleine bei den festen Stoffen 15 t beträgt; hinzu kommt noch das zur Herstellung benötigte Wasser. (nach Weizsäcker, Lovins, Lovins) |
Der Ökologische Rucksack kennzeichnet die Menge an Stoffen, die der Umwelt entnommen wird, um einen bestimmten Gegenstand zu erzeugen. Um 1 kg Eisen zu produzieren, müssen zusätzlich weitere 14 kg Material (andere Erzbestandteile, taubes Gestein, Energieträger...) bewegt werden. Bei einem Kilogramm Gold sind es 350.000 kg anderes Material.
MIPS steht für Material-Intensität Pro Serviceeinheit. Man ermittelt diese Größe, indem man für ein Produkt die über den gesamten Lebenszyklus benötigte Stoffmenge aufsummiert und diese dann auf die letztlich erzielte Dienstleistung umrechnet. Der erste Teil dieses Rechenweges entspricht dem ökologischen Rucksack; allerdings müssten im Falle des Autos auch die Kraftstoffe mit einbezogen werden. Im zweiten Schritt wird diese Summe durch die geleisteten Transportkilometer dividiert. Wer also z.B. Sprit sparend fährt und Beifahrer mitnimmt, kann das MIPS verringern (nicht aber den ökologischen Rucksack seines Fahrzeuges - das gelingt hingegen dem Fahrradfahrer).
Man kann einwenden, dass diese drei Indikatoren eine zu starke Vereinfachung darstellen. So sind es rein quantitative Messgrößen; Aussagen über Stoffqualitäten - z.B. Umwelt- oder Gesundheitsschädigungen durch einzelne Substanzen - werden nicht getroffen. Dennoch eignen sie sich - gerade wegen der starken Vereinfachung! - für Bildungszwecke oder die öffentliche Kommunikation. Modelle wie die hier vorgestellten führen zu der prägnanten Forderung, dass wir Bewohner eines hoch entwickelten Industrielandes es lernen müssen, Energie um den Faktor vier und Material um den Faktor zehn effizienter zu nutzen (siehe Weizsäcker, Lovins, Lovins).
In Schwedens Hauptstadt waren die Bürgerinnen und Bürger maßgeblich an der Erarbeitung des Indikatoren-Sets beteiligt. Die Stadt hatte sehr offensiv zu einer Mitarbeit eingeladen - u.a. wurden die Stockholmer während der Hauptverkehrszeit an ÖPNV-Haltestellen persönlich angesprochen. Durch Gespräche, Diskussionsrunden und vor allem durch vorfrankierte Postkarten sowie E-Mails erhielt das Agenda-Büro über 11.000 Rückmeldungen! Daraus wurde in mehreren Folgeschritten ein Set von 17 Indikatoren erstellt. (Stadtgespräche Nr. 29 (2001) - dort sind auch die einzelnen Indikatoren wiedergegeben)
| Die sechs Zielfelder der Prozessqualität
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An der FH Erfurt wurde ein Indikatorenmodell entwickelt, das helfen soll, die Qualität von Agenda-Prozessen zu bewerten. Mit insgesamt 18 Indikatoren kann der Prozess in sechs Zielfeldern (siehe Kasten) analysiert werden. So werden bspw. iIm Zielfeld Partizipation folgende Fragen gestellt:
Durch eine einfache Bewertung (Noten 1 - 5) können Agenda-Akteure ihre individuelle Einschätzung einbringen, daraus wird dann ein Gesamtbild für die Kommune erstellt. - Ein Herangehen, dass auch für eine Schule lohnend sein könnte.
Das Arbeitsmaterial ist im Thüringer Umweltministerium erhältlich.
Die hier vorgestellten Instrumente stellen nur einen kleinen Ausschnitt aus den vielen Versuchen dar, Nachhaltigkeitsaspekte zu messen. Dabei wurden andere so interessante Ansätze wie die Naturhaushaltswirtschaft nicht einmal berücksichtigt
Mit Hinblick auf die angestrebte Übertragung in den Schulbetrieb soll nachfolgend Hilfestellung gegeben werden, um diese verwirrende Vielfalt zu ordnen. Die Vielfalt der bisher entwickelten Instrumente ist kein Zufall; sie entspringt einer Vielfalt der Ziele und einer Vielfalt der zugrunde liegenden Modelle.
Das grundlegende Ziel für die Aufstellung und Anwendung von Nachhaltigkeitsindikatoren ist, Nachhaltigkeit zu operationalisieren - also den Zustand eines Systems in Bezug auf Nachhaltigkeit zu beschreiben. Damit können jedoch ganz verschiedene Anliegen verfolgt werden - mit unterschiedlichen Konsequenzen für die Datenerfassung.
Ziele / Anliegen |
Konsequenzen |
| Monitoring - einen Entwicklungsprozess analysieren | Zeitreihen aufstellen. Eine kontinuierliche Datenerfassung über längere Zeiträume muss (organisatorisch, personell, finanziell) abgesichert sein. Einbeziehung historischer Daten sowie Verwendung ohnehin anfallender Daten ist sinnvoll. Eine Begrenzung der Anzahl der Indikatoren wirkt erleichternd. |
| Vergleiche (Benchmarking) anstellen, z.B. zwischen verschiedenen Staaten, Kommunen oder Schulen | Erfordert zwingend die Anwendung einheitlicher Indikatoren und standardisierter Verfahren für die Erfassung und Verarbeitung der Daten. Die Indikatoren sollten eine angemessene Differenzierung ermöglichen (z.B. der Prozentsatz der Kinder mit Schulbildung ist innerhalb Deutschlands als Indikator nicht sinnvoll, wohl aber im internationalen Vergleich). Das Benchmarking bezieht sich in der Regel auf einen festgelegten Zeitpunkt. |
| Planungs- und Entscheidungsgrundlage für Experten - Management, Identifizierung von Handlungsfeldern, Frühwarnfunktion... | Erfordert umfangreiche und detaillierte Informationen. Erfordert auch Indikatoren, die für eine Vorausschau geeignet sind (z.B. Geburten mit Bezug auf Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt). |
| Information und Sensibilisierung der Öffentlichkeit, Bildung, Kommunikation | Hierfür ist eine begrenzte Anzahl anschaulicher, prägnanter Indikatoren sinnvoll. Ein Prozess der gemeinsamen Erarbeitung mit vielen Beteiligten ist außerordentlich wertvoll. |
Schlussfolgerung: Wer sich für ein bestimmtes Instrumentarium entscheiden will, muss sich zunächst seiner Zielstellung vergewissern! Erst daraus können allgemeine Anforderungen an die Indikatoren abgeleitet werden.
Auch die Sichtweise auf die Herausforderung Nachhaltigkeit hat Auswirkungen auf die Gestaltung des Mess-Instrumentariums. Manfred Born und Gerhard de Haan unterscheiden sieben verschiedene Modellrahmen, die zu jeweils unterschiedlichen (unterschiedlich strukturierten) Fragestellungen führen.
| Modellrahmen | Struktur der Indikatoren |
| Nachhaltigkeitsdimensionen | "Nachhaltigkeitsdreieck" mit den ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen - als vierte kommt oftmals die Entwicklung hinzu |
| Schnittmengen | Schnittmengen zwischen den Nachhaltigkeits-Dimensionen |
| Agenda 21 | Schwerpunktthemen der Agenda 21 - Soziales und Wirtschaft, Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen, Rolle wichtiger Gruppen, Möglichkeiten der Umsetzung |
| Sektoren | Ressorts in der öffentlichen Verwaltung - z.B. Transportwesen, Abfallwirtschaft, Soziales, Gesundheit |
| Nachhaltigkeitsthemen | entsprechend der öffentlichen Debatte, z.B. regionales Wirtschaften, Zukunft der Arbeit |
| Nachhaltigkeitsziele | schrittweise Abfolge einer Festlegung und Präzisierung: Leitbilder - Leitlinien - Leitziele - Indikatoren |
| Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge | Driving-Force-State-Response (Eingriff - Zustand - Reaktion) |
Einige Probleme bzw. Chancen beim Einsatz von Nachhaltigkeitsindikatoren sollen hier kurz zusammengefasst werden
Ein idealtypisches Verfahren zur Erarbeitung eines Indikatorensystems umfasst folgende Schritte; diese können auch als Anregung für eine Nachhaltigkeitsprüfung in der Schule dienen:
(Quelle: Stadt Jacksonville (Florida), zitiert nach Ekkehard Gomm und Klaus Willke)
| Eigenes Indikatorensystem aufstellen | Bestehendes Indikatorensystem nutzen |
| PRO Einbeziehung vieler Akteure schon bei diesem ersten wichtigen Schritt maßgeschneiderte Lösung möglich |
PRO |
| CONTRA |
CONTRA Mit einem Indikatorenmodell werden immer auch Leitvorstellungen zur Nachhaltigkeit transportiert. Wer auf ein extern entwickeltes Indikatorenset zurückgreift, geht das Risiko ein, unreflektiert die entsprechenden Leitvorstellungen zu übernehmen. |
Hier finden Sie Selbstbewertungsinstrumente für Schulen!
Für das Projekt "Audit an Düsseldorfer Schulen" bzw. für weitere Entwicklungsvorhaben zum Nachhaltigkeitsaudit stellen sich u.a. folgende konkrete Fragen:
Eine ganze Reihe weiterführender Informationen (Links und Literatur) zu Nachhaltigkeitsindikatoren finden Sie auf der Seite Links: Agenda 21, nachhaltige Entwicklung (umweltschulen.de).
Tilman Langner im Auftrag der Landeshauptstadt Düsseldorf